Jedes Korn ein Wort, das in tausend weitere zerbirst


Bei einem Konzert mit ihrer Band im Alten Schlachthof im oberösterreichischen Wels im Jahr 2017 war Patti Smith kurz vor der Auftrittszeit wie verschwunden. Als alle Beteiligten immer unruhiger wurden, fiel einem der Veranstalter ein, dass er Smith zuvor den Keller des Schlachthofes gezeigt hatte – und genau dort hielt sich Patti Smith auch auf, mit ihrem Fotoapparat wie versunken herumwandernd und den Ort durchdringend.

Patti Smith hat einen besonderen Blick auf das Leben, und damit unweigerlich auch auf Tod und auf Abschied. Einen sich wandelnden, entwickelnden, manchmal mäandernden, manchmal unpackbar konkreten Blick, den sie mit ihrem Publikum immer wieder teilt, als Poetin, Schriftstellerin, Musikerin, Performerin …, schon ist mensch versucht zu schreiben als „Universal-Künstlerin“. Patti Smith, die heuer am 30. Dezember 80 Jahre alt wird, veröffentlichte 1975 ihr epochales Album „Horses“ mit der ikonischen Erföffnungszeile „Jesus died for somebody´s sins, but not mine“. 2025 wurde das 50. Jubiläum dieses grandiosen Werks würdig begangen, ebenso erschien dieses Buch, mit dem Patti Smith detailreich – Menschen, Lieben, Freundschaften, Wohnungen, Landschaften, Länder, Literatur, Musik, Kunstwerke, Spielzeuge, Triumphe, Tragödien … – ihr Leben erinnert, in einer unmittelbaren, einen auch in der deutschen Übertragung von Brigitte Jakobeit fast distanzlos einnehmenden Sprache, ähnlich intensiv wie Smiths 2010 erschienene literarische Großtat „Just Kids“ über ihre Liebe und Freundschaft mit Robert Mapplethorne aus dem Jahr 2010. So viel Smith dem Leben abgewinnt, so viel sie in ihm sieht und wahrnimmt, so besonders sind die Worte, die sie für Verlust findet, allen voran jenen ihres Ehemann Fred „Sonic“ Smith, „den ich eine Zeit lang mehr liebte, als mich selbst.“ Hatte sie mit dem ehemaligen Gitarristen der MC5 lange ein eher zurückgezogenes Leben geführt, mit ihm zwei Kinder aufgezogen, mag es sein Tod 1994 gewesen sein, kurz darauf gefolgt von dem ihres geliebten Bruders Todd Smith, der sie wieder verstärkt mit ihrer Kunst die Öffentlichkeit finden ließ.

Und die Kunst der Schriftstellerin Patti Smith, die als Musikerin schon „Horses“ mit dem Stück „Elegie“ beschloss und den Zeilen „but I think it’s sad, it’s much too bad
that our friends can’t be with us today“, entfaltet dabei noch einmal ganz besondere Wirkung. Wie eine literarische Entsprechung und umfassende Paraphrasierung des Gedankens des französischen Philosophen Michel de Montaigne, dass „Philosophieren sterben lernen heißt“, und in der Folge leben lernen. Nicht zuletzt, wenn sie dabei den Beistand erinnert, den sie von Menschen wie Bruce Springsteen oder William S. Burroughs erfahren hat.

Berührend, dass das bei Trauerfeiern oft gewählte Lied „What a wonderful World“ eine Rolle spielt, als ein Lied, das Patti Smith nicht sehr mag, ihr Ehemann aber für seine Abschiedsfeier auswählte, weil es „zur hoffnungslosen Optimistin Patti“ so sehr passt. „Bread of Angels“ ist eine wahre Schatztruhe der Sätze, Worte, Gedanken und in erstaunlicher Beweglichkeit festgeschriebener Momente: „Schreib für diese Zukunft, sagt der Stift, schreib für das ausgestoßene Lamm, davon geweht wie Asche auf einem brennenden Dachboden. Die Sanduhr kippt. Jedes Korn ein Wort, das in tausend weitere zerbirst, der erste und der letzte Moment von allem, was lebt.“

Rainer Krispel

Bread Of Angels
Die Geschichte meines Lebens
Patti Smith

Kiepenheuer & Witsch, 2025

Am 21.5. 2026 spielt das PATTI SMITH QUARTET ein Open-Air Konzert in der Wiener Arena, in Zusammenarbeit von ARENA und FESTWOCHEN WIEN


Similar Posts

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert