Ein ganz normaler Tag – und dann…

Der plötzliche Tod eines geliebten Menschen ist ein Schock.
Von einem Moment auf den anderen ist er nicht mehr da.
Alles, was dann kommt, für die Partnerin, den Partner ist nicht normal, kann es gar nicht sein. Die Tage, die Nächte sind anders, vielleicht mit Symptomen, die in einem anderen Zusammenhang wohl auf eine Erkrankung deuten würden.
 
In dieser Zeit hilft es vielleicht zu wissen, dass auch andere so etwas, so oder so ähnlich, erfahren haben, nicht alleine zu sein.

Joan Didion beschreibt in „Das Jahr magischen Denkens“ mitreißend, in großer Offenheit und Klarheit, ihre Welt, die plötzlich eine andere war.
Man setzt sich zum Abendessen, und das Leben, das man kennt, hört auf.

Das Leben ist nicht mehr im Gleichgewicht, Momente, in denen sie unfähig ist, rational zu denken, Leid und die unermüdlichen, manchmal verzweifelten, Anstrengungen und Versuche damit umzugehen, klarzukommen.
Lesen, lernen, es durcharbeiten, Literatur befragen.
Joan Didion gibt dabei auch einen fast uferlosen Schatz an Büchern, Lyrik, Berichten, Studien, Literatur im Umgang mit Trauer und Verlust an die Hand – normale Trauer, pathologische Trauer, Trauer, wie sie vor hundert Jahren gelebt wurde, der Umgang moderner, westlicher Gesellschaften mit Leid und Trauer… Sie behandelt Fragen, die in der Trauer auftauchen und nähert sich diesen aus unterschiedlichen Perspektiven – Naturwissenschaft, Religion, Literatur.

John Gregory Dunne und Joan Didion sind 40 Jahre verheiratet gewesen, zwei erfolgreiche Autoren, Schriftsteller, Journalisten, Drehbuchautoren, die gemeinsam gelebt und auch gearbeitet haben.
Kurz nach Weihnachten, am 30. Dezember 2003, erleidet John, beim Tisch im Wohnzimmer ihres Appartements in New York, an den sie sich gerade zum Abendessen gesetzt haben, einen schweren Herzinfarkt und stirbt.
Seine Frau durchlebt nun ein Jahr, das auch geprägt ist von dem irrationalen Wunsch, John wieder zurückzuhaben.
Leid hat die Macht unseren Verstand zu verwirren – es ist auch ein Jahr magischen Denkens. Rückblickend stellt sie fest, auch wenn es niemand bemerkt hat, auch sie selbst nicht: Ich dachte, wie kleine Kinder denken, so, als könnten meine Gedanken oder meine Wünsche die Macht haben, die Handlung zurückzuspulen, den Schluss zu verändern.

Es ist ein überaus detailreicher, sehr persönlicher Bericht, der Ambivalenzen offenhält und trotzdem Stellung bezieht.Trauer ist keine Krankheit. Auch wenn Selbstmitleid aus nachvollziehbaren Gründen als wenig geschätzte Charakterschwäche gilt, schreibt sie: Tatsächlich haben Trauernde dringende Gründe, wenn nicht sogar ein dringendes Bedürfnis, Mitleid mit sich selbst zu haben. (…) die Hinterbliebenen eines Toten sind wirklich allein gelassen.

Und sie schreibt auch: Ich weiß, warum wir versuchen die Toten am Leben zu halten, um sie bei uns zu behalten. Ich weiß auch, dass, wenn wir selbst leben wollen, irgendwann der Punkt kommt, an dem wir die Toten auslöschen müssen, sie gehen lassen, sie tot sein lassen müssen.
 
Joan Didions autobiographische Erzählung wurde 2005 erstmals veröffentlicht, wurde mit dem National Book Award ausgezeichnet und sehr schnell ein wichtiges Werk der Trauerliteratur.

Eine Empfehlung.

Thomas Simmerl



Das Jahr magischen Denkens
Joan Didion
Neuausgabe im Ullstein TaschenbuchBerlin, 2021 (4. Auflage 2025)

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